Montag, 5. September 2016

Kinder sind (k)eine Prüfung. - Ein Plädoyer.



Kinder sind eine Prüfung. Das habe ich mir einmal sagen lassen können.
Sind sie. Sind sie nicht!
Kinder sind eine Herausforderung.
Das auf jeden Fall.
Aber das ist ja nichts Schlechtes.

Wenn ich mir die meinen so ansehe, entdecke ich unheimlich viele Gemeinsamkeiten. Mit mir.
Gleiche Wesenszüge. Oder jene von meinem Mann.
Unser Ältester sieht derzeit sogar fast eins zu eins so aus wie damals in dem Alter der Mann meines Herzens.
Ich entdecke beim Jüngeren den ironischen Witz, den auch ich an den Tag lege.
Und beim Älteren das sensible und gelegentlich wehleidige, das ich auch von mir kenne.
Ich sehe beim Älteren aber auch die Schusseligkeit von der Oma. Es ist fast witzig, die beiden gemeinsam zu beobachten.
Der Jüngere hat die Ausdauer wie ich, wenn er etwas will. Man kann es in manchen Fällen als stur bezeichnen oder als unflexibel.

Und schließlich gibt es Momente, wo ich mich unendlich ärgere, weil der eine oder andere so oder so ähnlich reagiert. Bis ich auf einmal merke, dass ich selber meine Einstellung überdenken sollte oder dass ich selber ja auch nicht anders bin.

Wenn sie mit dem bröseligen Kuchen in der Hand von der Küche durchs Esszimmer ins Wohnzimmer gehen. Während ich schon losschimpfen will, sie sollen sich hinsetzen beim Essen, kommt es mir plötzlich, dass ich es ja auch immer wieder so mache. Upsi.
Sie fragen mich dann: „Warum darfst du das und wir nicht?“
Wie lächerlich fadenscheinig ist meine Antwort, dass immerhin auch ich putzen muss.
Oder der Jüngere sagt zum Besuch: „Wir dürfen das nicht, aber die Mama macht es trotzdem!“
Wie peinlich!

Der Jüngere räumt sein Zimmer auf, indem er bei Zeitmangel einfach alles unters Bett schiebt. Schaut super aus. Aber finden kann er nichts mehr.
Ich erinnere mich an meine Kindheit. Da habe ich es ganz genauso gemacht.

Herausforderung sind meine Kinder oft in jener Hinsicht, dass sie mir einen Spiegel vorhalten. Dass ich Seiten an mir sehe, die ich nicht so gern sehen will. Aber es hilft ungemein im Zusammenleben, wenn ich zurückdenke, wie es mir damals so ergangen ist.

Ich habe ganz normale Kinder. Sie sind keine Engerl. Also nicht nur. Sie streiten sich. Sie vertragen sich. Sie sind keine Wunderkinder, auch wenn Eltern gern hätten, dass gerade ihr Kind das allerbeste und allerschönste und allerklügste ist.

Sind sie nicht. Sind sie doch.

Sie testen ihre Grenzen zuhause und nicht auswärts. Da wissen sie sich zu benehmen. Was ja auch irgendwie bedeutet, dass wir es nicht ganz verkehrt machen können.

Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass sie gesund sind.

Oft genug sind sie beide minimalistisch. Das ist nicht per se negativ. Sie werden schon etwas finden, für das ihre Seele brennt. Sie haben Zeit. Natürlich haben sie die. Auch wenn alle Welt uns etwas Anderes weismachen will.

Es gibt diese Tage, wo ich mir mit dieser dankbar entspannten Denkweise etwas schwer tue. Weil mein Nervenkostüm nicht so stark ist wie sonst. Weil mich meine Kinder herausfordern. Noch mehr aber, weil ich mich meiner Umwelt gegenüber rechtfertigen muss, warum ich meine Kinder nicht mehr fördere. Warum ich sie nicht in diesen oder jenen Kurs schicke. Warum sie mit Schulbeginn noch nicht schwimmen können oder Schi fahren. Warum sie nicht Geige spielen oder Schach. Warum dieses? Warum jenes? Warum? - Ja warum auch!

Am gereiztesten bin ich dann, wenn ich meine Erziehung und meine Werte in Frage gestellt sehe. Wenn mich Pädagogen oder Super-Mamis anreden, was mit meinem Kind los sei. Warum der eine so sensibel sei und der andere so schüchtern. Was soll das? Es gibt auch stille Menschen. Wir sind stille Menschen. Wir denken nach, bevor wir losrennen. Wir fragen nach, bevor wir zuschlagen. Wir suchen nach anderen Wegen, damit wir gar nicht erst zuschlagen müssen. Meine Kinder sind stille introvertierte Menschen wie ihr Vater und ihre Mutter. Damit umgehen zu lernen ist ein langer harter Weg, wenn alle Welt nur Teamgeist und extravertierte Führungskräfte sehen will. Wenn alles nur Spaß ist und Party Party Party. Das lässt Menschen wie wir es sind manchmal einsam sein.

Was ich meinen Kindern mitgeben will? Dass sie in dieser Welt ihre Nische finden, in der sie zufrieden leben können. Dass Geld vieles einfacher, aber letztlich nicht glücklich macht. Dass sie auch als introvertierte Menschen wertvoll sind. Ich denke, das ist Aufgabe genug. Da braucht es nicht einen Englischkurs mit Vier oder Schi fahren mit Drei, nur weil wir als Eltern uns über unser gebildetes oder gefördertes Kind definieren.
Meine beiden sind (k)eine Herausforderung. Sie sind eine Bereicherung. Sie zu begleiten und ihnen beim Großwerden zuzusehen, ist spannend. Oft witzig. Und unheimlich berührend. Sie sind überhaupt nicht wegzudenken. Meine Kinder sind meine ganze Freude, auch wenn ich manchmal schreien könnte in meiner Ohnmacht. 

Das wollte ich heute einmal sagen. Vielleicht war ich zu rührselig! Seht es mir bitte nach.
Bei uns ist heute wieder Schulbeginn!
Allen Schülern, Eltern und Lehrern einen guten Start! Habt ein gutes Miteinander!

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P.S. Warum ich diesen Beitrag in leicht abgeänderter Form wieder hervorkrame? Manchmal lese ich quer durch die Blogs, fange bei Mitzi an, weil sie so wunderbar schreiben kann, folge einem von ihr genannten Link zu Random Randomsen und lande bei Petra Pawlofsky und ihrem Projekt "Kinder im Aufwind". Sie beschreibt es selbst so:
Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie unsere Kinder all das verkraften, was an Nachrichten auf sie einstürzt?  Wie sie mit dem anspruchsvollem Leistungsdruck, der Hetze im Alltag, den Medien, den stumpfen Blicken vieler Erwachsener um sie herum zurechtkommen? Wie wir ihnen eine Basis geben können, gelassen, selbstsicher und hoffnungsvoll zu leben und in die Zukunft zu schauen? Eben im Aufwind zu bleiben…
Darum geht das Projekt, das ich heute starten möchte. Zum Thema gibt es nun bald eine Beitragsreihe  von mir mit Gedanken, Zitaten, Erfahrungen und natürlich mit passenden Gemälden und digitaler Kunst.
Mehr Beiträge zu dem Thema findet ihr in Petras Projekt. Schaut doch mal rein!


Bisherige Teilnehmer:

Petra Pawlofsky
Sylvia Kling
Random Randomsen
Anne-Marit

Ulrike Sokul

Mitzi Irsaj






Kommentare:

  1. Wenn man sich einfach immer wieder bewusst macht, was für ein Wunder jedes Kind ist – auf seine eigene, unverwechselbare Art – kann einem die „Jagd nach dem Wunderkind“ einfach nur wie eine Perversion erscheinen.
    Kinder zu fördern ist eine gute Sache. Und dazu gehört gewiss manchmal auch, sie zu fordern. Aber Fördern heißt nun mal in erster Linie, dass etwas den Talenten und den Bedürfnissen eines Kindes entsprechen muss. Manchmal ist ein von den Eltern herbeigesehntes Talent schlicht so gut wie gar nicht vorhanden. Und manchmal ist das Talent zwar da, aber es muss sich in seinem Tempo und nach seinen Prämissen entwickeln können.

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    1. Da gebe ich dir durchaus Recht. Die Jagd nach dem Wunderkind ist genauso Illusion wie der Anspruch, als Eltern perfekt sein zu wollen. Es würde oft schon viel helfen, sich diese zuzugestehen bzw. einzugestehen. Vielleicht ist das Wichtigste, hinzuhören und zuzuhören.

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    2. Beides ist wichtig, denke ich. Einerseits, sich einzugestehen, dass der Wunsch nach Perfektion immer mal wieder an seine praktischen Grenzen stößt. Und zweitens eben auch, sich diese Freiheit zu schenken, den guten Willen für die Tat zu nehmen. Hinhören und zuhören scheint auch mir essentiell – einander (im umfassendsten Sinn des Wortes) WAHRnehmen. :)

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  2. Wahrnehmung ist immer gut. Nicht nur im Umgang mit Kindern. Doch grau ist alle Theorie. Was sich hier so logisch und über jeden Zweifel erhaben schreibt, will dennoch geübt werden. Darum geht es letztlich: Wahrnehmen und umsetzen. Und immer wieder üben üben üben.

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  3. Liebe Veronika,

    zweimal habe ich Dir nun einen ziemlich ausführlichen Kommentar geschrieben, die aber abgesendet einfach verschwunden sind….Auch dieser ist bis jetzt noch nicht losgeflogen..
    Heute versuch ich’s mit einem kürzeren noch einmal nach Randoms Methode…
    Natürlich noch einmal herzlichen Dank, dass Du diesen interessanten, lebendigen Beitrag den Kindern im Aufwind gewidmet hast! Überall spürt man die Liebe zu Deinen Kindern und eine offene Bereitschaft für sie und ihre Entwicklungen.
    Familienähnlichkeiten über Generationen sind ein faszinierendes Phänomen! Damit halten die Kinder einem auch den Spiegel vor, wie du ja schreibst,und wir können auch von ihnen lernen. "Warum darfst Du das und wir nicht?“ ist ein entwaffnendes Beispiel! :)
    Für mich ist Introvertiertheit voll wichtig. Die hochsensiblen,introvertierten Menschen haben früher vor den Gefahren gewarnt und tun das heute ja auch noch oder sammeln wie die Maus Frederick Sonnenstrahlen, Farben und Worte für den Winter…
    Freundschaften entwickeln sich langsamer, aber sind tiefer und dauern dafür oft sehr lang, wenn nicht ein Leben…
    Dir und Deiner Familie wünsche ich eine gute Zeit und gute Freunde! Und wenn Du mal wieder eine Idee für Kinder im Aufwind hast, rühr Dich!

    Herzlich, Petra

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    1. Liebe Petra,

      aber jetzt ist er da, dein Kommentar! :-)

      Introvertiertheit ist auch für mich wichtig. Aber manchmal ist es in der schnelllebigen Zeit von heute schwierig, gehört zu werden. Ich habe aber den Eindruck, dass es besser wird. Dass auch der Introvertiertheit mehr Beachtung geschenkt wird.

      Ja, ich liebe meine Kinder. Trotz aller Herausforderungen, von denen man ohne Kinder keine Ahnung hat. Oft sage ich mir: "Bleib locker, geh einen Schritt zurück und schau erst mal zu und dann schrei los, wenn es dann noch nötig ist."

      Letztlich lernen sie von uns und wir von ihnen. Das ist doch toll, oder?

      Liebe Grüße,
      Veronika

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  4. bin neu auf dieser Seite und las mit Interesse deinen Beitrag, liebe Veronika. Sehr viel kann ich davon unterstreichen. Nur eins möchte ich zu bedenken geben: schau nicht zu sehr auf Ähnlichkeiten! das ist manchmal eine Falle, da wird dem Kind, das ja doch trotz einiger Ähnlichkeiten ganz anders ist als die Vorfahren, leicht eine zu enge Jacke angezogen. Wie sehr erinnere ich mich an die Schwierigkeit, Etiketten loszuwerden wie "ganz wie dein Vater", "das hast du von der Oma X". Wenn es positive Zuschreibungen waren (zB Talente, blondes Haar), war es schon nicht besonders angenehm, denn ich wollte doch lieber ICH sein und nicht die Oma oder die Tante, wenn es aber negative Zuschreibungen waren (zB du hast zwei linke Hände wie ....), dann war das schon fatal.
    Im Grunde sagt das auch der Text von Khabril: jedes Kind ist Gast und nicht Fortsetzng des Eigenen. Liebe Grüße! Gerda

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    1. Liebe Gerda, mir ist schon klar, dass ich meine Kinder nicht in die "du bist genauso wie..."-Form pressen kann. Mir geht es eher darum, Mechanismen zu erkennen, wo sie ähnlich reagieren wie ich. Denn vielleicht kann ich mich dann leichter in sie hineinversetzen. Ihnen Hilfestellung anbieten, wie sie reagieren könnten. Auch ich kenne derlei Etiketten, so zu sein wie jemand anders. Das ist nicht angenehm und und auch nicht leicht auszuhalten.
      Liebe Grüße, Veronika

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